Manuela Gaßner

Zero Waste, geht das überhaupt? Ein Interview mit Manuela Gaßner

617 Kilogramm Müll wirft jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr in die Tonne - besonders der Anteil an Verpackungsmüll wird immer größer.
 Manuela Gaßner wollte da nicht mehr mitmachen, sie versucht mit ihrer Familie müllfrei zu leben. "Zero Waste" heißt diese Bewegung, und sie findet in Deutschland immer mehr Nachahmer. Manuela Gaßner hat ihr Leben völlig umgekrempelt. Die Agrarwissenschaftlerin, Autorin, Bloggerin und urbane Gärtnerin setzt sich seither für die Zero Waste Bewegung ein und inspiriert auch andere zum Umdenken, festgehalten wird das Ganze auf ihrem Blog: einfachzerowasteleben.deWir haben mit ihr über den Weg mit "Zero Waste" gesprochen:

Wie bist du auf Zero Waste Aufmerksam geworden?

Unsere Müllberge! Unglaublich was sich da nach jedem Einkauf angesammelt hat. Für mich war der erste logische Schritt, möglichst viele Verpackungen im Laden zu lassen. Erste Erfolgserlebnisse stellten sich ein und flauten aber auch schnell wieder ab. Was für ein Aufwand, jedes Mal vor dem Geschäft zu stehen und alles auszupacken. Dann kam unser Umzug dazwischen – was man nicht alles hat! Ich wollte auf keinen Fall alles mitnehmen, es ging ans Aussortieren – verkaufen, verschenken, reparieren und entsorgen. Das hat mir die Augen geöffnet. Suchmaschine angeworfen, Stichworte: Plastik, Konsum, Müllvermeidung, Wegwerfgesellschaft, Umwelt und das Ergebnis war dann Zero Waste.

Was bedeutet für dich Zero Waste und welche Bereiche des alltäglichen Lebens sind dadurch beeinflusst?

Alle Bereiche sind beeinflusst – Lebensmittel, Pflege, Reinigung, Kleidung, Mobilität, Energie, etc. Das macht es so interessant und motivierend, weil wir in einer Zeit leben, wo wirklich jede Alltagsituation betroffen ist und man bei jeder Veränderung einen Erfolg sehen kann.

Bedeutet Zero Waste zu verzichten?

Hilfe, ich muss verzichten! Hilfe, ich verliere was! Ja, den täglichen Müll.

Alles kommt auf den Standpunkt an. Empfinde ich es als Luxus mein Gemüse selbst anzubauen oder ist das nur was für „Arme“ und eine zeitliche und körperliche Belastung? Erleichtert mir ein übersichtlicher Kleiderschrank meine Auswahl und spart Zeit oder liebe ich es jedem Morgen eine halbe Stunde in meinem Kleiderschrank-Fundus etwas Neues zu entdecken? Bin ich stolz mein Handy repariert zu haben oder habe ich die Befürchtung bemitleidet zu werden, weil ich mir kein neues „leisten“ will oder kann? Das muss jeder selbst entscheiden – ich empfinde Zero Waste als Bereicherung, mein eigenes Gemüse als Luxus, auch wenn es Zeit kostet, aber die spare ich mir ja morgens bei meinem Kleiderschrank.

Wie hat sich der Zero Waste Gedanke im Laufe der Zeit verändert? 

Der Zero Waste Gedanke ist irgendwie, wie die Neuerfindung des Rades. Zero Waste war früher ganz normal, aber wir haben uns inzwischen soweit davon entfernt, dass es brandneu erscheint. Früher waren es die Ökohippies heute sind es die hippen Ökos. Eine wunderbare Veränderung, der Umweltschutz mausert sich zu einem angesagten Lifestyle. Durch soziale Medien kann man sich regional zusammenfinden und gleichzeitig als Teil einer globalen Bewegung empfinden.

Welche Bedeutung hat das Handy für die Umwelt?

Der Abbau der Rohstoffe ist häufig mit der Abholzung ganzer Wälder verbunden, Felsformationen werden dem Erdboden gleichgemacht. Um die teilweise seltenen Metalle aus dem Gestein zu lösen, werden giftige Lösungsmittel verwendet, die dann in Gewässer gelangen können und die Gesundheit der Menschen und Tiere gefährden. Übrigens seltene Erden sind eigentlich Metalle. Da Rohstoffe oft in weitentfernten Ländern abgebaut werden, sind Umwelt- und Sozialstandards partiell schwer zu kontrollieren. Auch Transport und weitere „Veredlungsmaßnahmen“ orientieren sind oft an Gewinnmaximierung und nicht an den Folgen für Umwelt, Gesundheit und Menschenrechte.

Welche Lösungsansätze gibt es, um das soziale und ökologische Dilemma zum Thema Ressourcengewinnung und Smartphoneherstellung zu lindern?

Da Smartphones auch viel Positives bewirken und die Kommunikation inzwischen als Lebensqualität und -standard gesehen wird, ist es utopisch zu sagen – das Smartphone gehört wieder weg. Also hilft nur ein respektvoller Umgang mit dem Phone, d.h. nicht kaputt machen, reparieren, solange wie möglich nutzen und zum Schluss richtig Recyceln!

Die Hauptfrage ist, benötigen wir jedes Jahr das neueste Modell? Mich stört der ständige Hunger und Wettlauf nach dem neuesten Schrei. Die Entwicklung in den letzten Jahren geht unglaublich schnell, und natürlich kann und möchte man sich dem Fortschritt nicht verwehren, aber exponentielles Wachstum ist wie ein Durchlauferhitzer, irgendwann läuft er im wahrsten Sinne heiß.

Ganz wichtig finde ich die richtige Entsorgung. Das Phone gehört nicht in den Restmüll, sondern zu der vorgesehenen Sammelstelle, damit die Bestandteile wiederverwendet werden können und nicht erneut abgebaut werden müssen.

Wie lange nutzt du dein Handy im Schnitt?

Meine Handygeschichte ist noch nicht soooo alt. Ich habe mich lange gegen ein Handy gesträubt und tatsächlich erst mit stolzen 20 Jahren nachgegeben. Das hat dann auch etwa 4 Jahre funktioniert und eine unglaubliche Akkuleistung von fast zwei Wochen gehabt. Dann habe ich mein zweites Handy mit meinem neuen Vertrag bekommen, das habe ich unglaubliche 10 Jahre, also bis 2015, mit mir rumgetragen, bis sich alle beschwert haben, dass sie mich nicht richtig hören können. Ok, dann kam mein erstes gebrauchtes „Steinzeit“-Smartphone, das hatte ich leider nur 1,5 Jahre, weil ich es schon sehr gebraucht bekommen hatte. Dieses Jahr habe ich zum Geburtstag von meinem Freund mein zweites, ebenfalls gebrauchtes Smartphone bekommen. Und das läuft wunderbar! In den letzten 16 Jahren hatte ich vier Handys, macht eine durchschnittliche Nutzungszeit von 4 Jahren. Aha, ich reflektiere, mein erstes Smartphone hatte die geringste Nutzungsdauer! Das heißt, mein aktuelles wird bis zum bitteren Ende repariert!

Hast du schonmal ein Handy selbst repariert, wenn ja aus welcher Intention?

Tatsächlich habe ich noch nie ein Handy selbst repariert. Ich habe mich nie ran getraut und auch nicht gewusst, dass es Handy-reparier-Workshops gibt. Jetzt würde ich es der Umwelt zuliebe wagen, aber ich hoffe bis dahin dauert es noch gaaaanz lange.

Was ist dir bei einem Handy wichtig und wieso?

Da ich viel geschäftlich telefoniere, Mails schreibe und in sozialen Medien unterwegs bin, ist mir eine schnelle Bedienung, eine gute Kamera und eine lange Akkulaufzeit wichtig.

Was mich auch an Handys nervt, sind die unterschiedlichen Ladekabel. Für jedes Fabrikat und teilweise auch für Nachfolgeprodukte gibt es andere Ladekabel. Ich würde es sehr befürworten, wenn es da eine Vereinheitlichung geben würde, damit nicht jeder ein extra Kabel besitzen muss.

Hast du Tipps für einen Handyneukauf und wie bekommst du dies in Einklang mit der Zero Waste Philosophie?

Ich persönlich würde immer erst ein gebrauchtes Handy suchen. Wichtig finde ich einen modularen Aufbau, d.h. der Akku und das Display sind leicht zu wechseln. Sonst gelten die gleichen Regeln wie bei jedem Konsum

  1. Kann ich das „Teil“ reparieren?
  2. Brauch ich es wirklich?
  3. Gibt es das „Teil“ gebraucht?
  4. Die nachhaltigste Lösung die es gerade gibt! Unter welchen Bedingungen wird das Produkt hergestellt? Was passiert, wenn es doch kaputtgeht? Wie wird es recycelt?

Was sind einfache Zero Waste Regeln die jeder im Alltag umsetzen kann?

… und jetzt auch noch Zero Waste Regeln. Das hört sich schon nach Regelbruch und Strafe an

Ich finde Müllvermeidung im Alltag ist ein tolles, vielfältiges und erfolgversprechendes Thema. Wenn man sich dafür interessiert, hat man schon den ersten Schritt getan.

Meine Anregungen (nicht Regeln!) wären: Alle Mülleimer zusammenlegen und schauen was ist drin. Dann eine Verpackung auswählen und versuchen sie zukünftig zu vermeiden. Beispielsweise Tetra Pak – mit dem regionalen Pfandsystem ersetzten, dann PET-Flaschen mit Leitungswasser und Pfandflaschen ersetzten, dann Gemüse- und Obstplastiktüten mit Stofftaschen ersetzen, dann Reinigungsmittel mit Essig, Natron, Seife oder Salz ersetzen. Und so setzt sich die Liste fort. Auch wer verstärkt auf regionale Produkte achtet reduziert Müll – nämlich CO2-Emissionen beim Transport. So öffnen sich viele Möglichkeiten und es gibt immer kleine und motivierende Erfolgserlebnisse.

One thought on “Zero Waste, geht das überhaupt? Ein Interview mit Manuela Gaßner

  1. Liebe Leute,
    es hat den Anschein, als drehe sich bei kaputt.de alles um das Smartphone. Dabei gibt es unbestimmt viele Alltagsgegenstände, die die dumme Angewohnheit haben, vorzeitig ihren Geist auszuhauchen. Ich denke da an unseren Wasserkocher, Bomann, Typ sowieso. Nicht daß ich mit dem unzufrieden wäre – schließlich hat er’s zehn Jahre lang getan. Aber nun ist er undicht, näßt wie ein Säugling. Der Säugling darf, der Kocher nicht.
    Nach Versuch und Irrtum habe ich die undichte Stelle denn auch gefunden. Der Übergang Kondensatröhrchen – Bodenplatte, vom Hersteller unterseitig (schlecht) mit HT – Silikon verschlossen, den bekomme ich nicht dicht.
    Habs versucht mit Verkieseln: Fehlanzeige. Abdichten wasserseitig mit 2-Komponentenkitt (Bindulin): Schon besser, war trotzdem nicht von Dauer.
    Klar, der Kocher ist ein wirtschaftlicher Totalschaden, aber Ich sehe solche Reparaturen sportlich: Mal schauen, ob der Verschleißforschung nicht irgendwie ein Schnippchen zu schlagen ist.
    Vielleicht hat jemand eine Idee, wie der winzigkleinen Undichtigkeit beizukommen ist.

    Ach ja: Ich repariere gern, auch gern für andere Leute. Andere, das meint Freunde und Verwandte. Es ist dabei ausgesprochen lästig, jedesmal zu rechtfertigen, wenn man kein finanzielles Entgelt will. Ich gehe dem aus dem Weg, mittlerweile und überweise das, was man mir aufdrängt, an Greenpeace, Medico International u.s.w. Der Gewinn liegt in der Arbeitserfahrung, Müllvermeidung, was einfach nicht kapiert wird.

    Friedhelm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.